In diesem Artikel geht es um das nächste Gestaltungselement – Die Fläche.
Um die Bedeutung der Fläche in der Fotografie zu ermessen, muss ich ein wenig ausholen…

Der Mensch sieht binokular und die Kamera monokular. Wir versuchen mit unseren Fotos also eine dreidimensionale Realität auf eine zweidimensionale Fläche abzubilden. Damit müssen wir also nicht nur einen Informationsverlust hinsichtlich der Tonwerte, Farben oder den Verlust von Bildelementen durch den Beschnitt hinnehmen... Wir „verlieren“ sogar eine ganze Dimension: Die Tiefe.

Dabei möchte ich den Begriff „Verlust“ gar nicht negativ werten. Doch führt uns das wichtige und grundlegende Gesetzmäßigkeiten der Fotografie vor Augen, über die wir uns auch bei der bewussten Gestaltung im Klaren sein sollten!

Daraus folgt, dass absoluter Naturalismus in der Fotografie nicht möglich ist. Es entstehen immer Unterschiede. Konkrete Beispiele sind auch die Bewegungsunschärfe oder sogar der gänzliche Verlust von Farbinformationen bei Schwarz-Weiß-Bildern.

Feininger bezeichnete das als positive Kameralügen. Das begegnet uns nicht nur in der reinen Fotografie, sondern auch an vielen Stellen in der Film- und Fernsehwelt. Das ist z.B. einer der Gründe, warum Darsteller geschminkt werden oder bestimmte Effekte in der Werbefotografie angewendet werden; nur damit es später in der Aufnahme „natürlich“ wirkt. Wenn man die beschriebenen Unterschiede kennt, kann man ihnen entweder mit gezielten Maßnahmen entgegenwirken oder man kann sie bewusst ausnutzen.

Man muss also einen fotografischen Blick entwickeln, um die fehlenden Informationen, wie z. B. die Tiefe zu kompensieren. Deshalb wirken leider auch viele Fotos „flach“, weil der Fotograf bei der Aufnahme eben nicht darauf geachtet hat.

Tiefe kann man also nicht aufnehmen, sondern nur stilistisch über die Bildkomposition einfließen lassen.

Denken wir hier nur an den vorherigen Artikel, bei dem es um Linien ging. Denn Linien im Sinne der Fluchtlinien bieten die Möglichkeit Tiefe zu suggerieren.

Wenn wir nun also unser Auge darauf schulen, unsere Umwelt für das spätere Foto flächig wahrzunehmen, kommen nun endlich Flächen ins Spiel. Die Fläche ist eine Erscheinung der Ebene in zwei Dimensionen. (Höhe und Breite) Der Verlauf ihrer Umrisslinien bestimmt auch ihre Form.

Flächenformen

Neben den organischen, natürlichen Formen gibt es runde und eckige Flächenformen im Sinne der geometrischen Flächenformen. Es gibt leere Flächen. Sie sind also nur von einer Kontur aus Linien oder Punkten umschlossen. Und es gibt gefüllte Flächen. Dabei kann die Füllung aus einer einzelnen Farbe, einem Verlauf oder aus einer Struktur bestehen.

Doch welche Bedeutung haben die verschiedenen Formen und wie kannst Du das gezielt einsetzen?

Flächenformen und ihre Wirkung

Leere Flächen wirken labiler als gefüllte Flächen Ähnlich wie bei den Linien haben auch verschiedene Formen verschiedene Wirkungen auf den Betrachter. Vereinfacht gesagt kann man gefüllte Formen als stabil und leere Formen als labil betrachten.

Ein gefüllter Halbkreis nach oben verstärkt die stabile Wirkung des nach oben gerichteten Bogens. Gleiches gilt für einen leeren Halbkreis, der nach unten gerichtet eine labile Bildwirkung erzielt. Auch ein Quadrat, dass auf einer Seite liegt, kann seine Stabilität durch seine Füllung verstärken. Steht dieses in Form einer Raute auf einer Ecke, so würde eine leere Füllung den labilen Charakter betonen.

Man kann diese Beispiele natürlich endlos weiterführen… Vieles davon wird für Dich sicher intuitiv nachvollziehbar sein. Mit diesem Artikel möchte ich Dein Bewusstsein darauf lenken, um es gezielt einsetzen zu können.

Das spannende an den Flächen ist nun aber, dass sie eine Möglichkeit bieten, Räumlichkeit im sonst flächigen Bild zu suggerieren. Denn Flächen können sich gegenseitig teilweise verdecken und somit eine Tiefenstaffelung erzeugen. Dabei spielt die Anordnung der sich überdeckenden Elemente zueinander eine zusätzliche Rolle. So kann ein Haus, was ein dahinter stehendes Haus teilweise verdeckt zu diesem eine gedachte Diagonale bilden. Je nach Richtung dieser Diagonalen, wird die Bildwirkung positiv oder negativ ausfallen.
(Schau Dir gern nochmal den Artikel zu den Linien an.)

Eine weitere Möglichkeit einen dreidimensionalen Eindruck zu vermitteln ist die räumliche Verzerrung.

Überschneidungen verstärken den räumlichen Eindruck Stell Dir hier eine Häuserfront frontal fotografiert im Vergleich zu einer schräg fotografierten Fassade vor, die auf einen Fluchtpunkt zuläuft.

Sofort sind wir nicht wieder nur im Gestaltungsspielraum der Linien, sondern suggerieren allein durch diese Verzerrung Räumlichkeit. Genau das sollte man nun aber bewusst und nicht zufällig einsetzen.

Verlangt ein Motiv Ruhe und Flächigkeit, so wäre der Einsatz einer solchen Verzerrung hinderlich. Möchte man aber die Räumlichkeit im Motiv verstärken, kann die räumliche Verzerrung ein probates Mittel sein.

Flächen haben weitere Eigenschaften, die man sich bei der Bildgestaltung zu nutze machen kann:
Flächen bieten, besser noch als Linien, die Möglichkeit, Größenverhältnisse darzustellen.

Fotografiert man also zwei nebeneinander stehende Bäume frontal, so kann man deren Proportionen zueinander objektiv darstellen. Gleiches kann man aber auch bewusst im umgedrehten Fall ausnutzen, in dem man eine Person im Vordergrund und ein im Hintergrund stehendes Hochhaus so geschickt nebeneinander im Bild platziert, dass deren Tiefenstaffelung nicht sichtbar wird.
Die Person im Vordergrund erscheint dann wie ein Riese neben dem Hochhaus. Vorausgesetzt wir lassen bewusst alle Bildelemente, mit Hilfe derer wir die fehlende Tiefe sonst kompensieren, weg.

Nimm Dir nun am besten Deine Kamera und versuche den besprochenen Gestaltungsspielraum zu nutzen, um die fehlende Dimension in Deine Fotos zu bringen. (Auch wenn es natürlich 3D- und/oder Stereofotografie gibt, gelten dafür auch besondere Regeln für die Bildgestaltung)


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